Ein Feuer

Januar 17

Wir sind alle Kerzen. Ich bin eher so ein größeres Teelicht, würde ich schätzen, aber bitte in orange. Du bist vielleicht ne richtig eindrucksvolle Stumpenkerze. Oder eine gerollte Bienenwachskerze? Es gibt sie in groß und klein, rund, eckig. Manche sehen aus wie Blumen, oder Steine. Da sind die hochaufgeschossenen Exemplare für Leuchter, die festlich silbern oder golden glänzenden. Ach ja und Farben haben sie alle des Regenbogens. Manch eine duftet sogar. Die einen brennen länger, die anderen kürzer.
Aber etwas haben sie alle gemeinsam: Ihre Bestimmung ist es, zu leuchten.
Natürlich, manche sind so schön, dass man sie sich einfach hinstellt, zum Anschauen, zum hübsch Finden. Aber ihre Bestimmung ist es, zu leuchten. Licht in die Dunkelheit zu bringen.
Nur haben Kerzen dabei ein kleines Problem, sie sind zwar dazu gemacht zu brennen, aber nichts an ihnen hat irgendwas an sich, das Feuer erzeugen kann. Von sich selbst aus, sind sie nicht mal warm, geschweige denn heiß.
Jede einzelne braucht Feuer. Eine Flamme, die sie anzündet. Und für alle Kerzen dieser Welt braucht es keine ebenso große Anzahl von Flammen. Eine einzige genügt. Hm, natürlich schwierig eine zu finden, die lange genug brennt. Da fällt mir eigentlich nur die größte, heißeste und scheinbar endlose Flamme der Sonne ein. Ja sozusagen die selbst ganz Flamme ist.
Und wenn Kerzen erstmal brennen, ist es völlig unwichtig wie sie aussehen. Sobald es dunkel wird, zählt nur noch das Licht, das sie aussenden. Nur noch die Flamme, die sie nicht selbst sind. Die sie tragen und nähren dürfen. Und die übrigens vielleicht mal größer oder kleiner scheint, mal flackert oder ruhig brennt, die aber auf allen Kerzen dasselbe ist. Alles ist Feuer.

Der Tiger mit dem schwarzen Schwanz

Oktober 26

Es war einmal ein Tiger mit einem schwarzen Schwanz.
Niemand wusste wieso.
Die anderen Tiger machten sich darüber lustig, waren verwirrt und gingen ihm aus dem Weg. Sie erzählten sich, dieser Tiger sei der letzte gewesen, den Gott geschaffen hatte und als er ihm die sonnenschimmernde Farbe seines Fell gab, sei ihm die lebendige Farbe ausgegangen. Sie hatte nicht mehr für den Schwanz gereicht und so musste er nun für immer die Schwärze der langen Finsternis tragen, die vor dem Leben, vor der Welt gewesen war.
Es war eine gute Legende. Sie erklärte alles.
Doch der Tiger mit dem schwarzen Schwanz dachte nach. Er hatte schon immer darüber nachgedacht, sich gefragt, warum, woher, wieso? Die Antworten der anderen schienen ihm fadenscheinig, lückenhaft, unlogisch. Wieso sollte Gott eine begrenzte Lebensfarbe haben? Wieso sollte er der letzte geschaffene Tiger sein, wo es doch viel jüngere gab als ihn?
Er fand keine Ruhe. Keine Erklärung, nicht die Legende genügte ihm. Sie sagte, er solle es einfach hinnehmen, akzeptieren und dabei waren es doch die anderen, die das unmöglich machten. Die seinen Schwanz anstarrten, tuschelten. Sie taten es nicht absichtlich, sie wollten ihn nicht ausgrenzen, doch da war einfach immer dieser Unterschied. Selbst wenn sie nicht mehr hinsahen, sie verhielten sich trotzdem anders.
Dabei gab es bis auf die Farbe keinen Unterschied. Der Tiger mit dem schwarzen Schwanz prüfte es nach. Versuchte herauszufinden, ob mehr mit seinem Schwanz los war. Doch bis auf die Farbe, schien nichts anders zu sein, weder schlechter, noch besser.
Der Tiger fand keine Ruhe. Er suchte nach Antworten, nach einem Grund, nach der Wahrheit. Und fand sie nirgendwo bei den Tigern und nicht bei den anderen Tieren.
Irgendwann wandte er sich an den Schöpfer selbst und fragte: „Du hast mir diesen Schwanz gegeben. Wieso?“
Und der Schöpfer sah ihn an und antwortete:
„Was tust du?“
Der Tiger überlegte. „Ich denke darüber nach, wieso ich anders bin. Und darüber, welche Jagdgründe wir lange nicht besucht haben, denn dort wird sich die Beute vemehrt haben. Und darüber, dass wir unseren Winterbau dieses Jahr noch wärmer auspolstern müssen. Und darüber, dass die kluge Tigerin mit den leuchtenden Augen sich so seltsam verhält, weil sie schwanger ist und…“
Er unterbrach sich, denn es gab noch viel mehr was er beobachtete und bedachte, aber das konnte den Schöpfer doch nicht interessieren. „Solche Sachen“, fügte er hinzu.
Der Schöpfer nickte und blinzelte sanft.
„Und was tun die anderen?“
„Sie gehen jagen und balgen sich und kämpfen. Sie schlafen und ruhen, sie leben einfach.“
Wieder nickte der Schöpfer. „Hättest du keinen schwarzen Schwanz, meinst du, du hättest jemals begonnen nachzudenken? Zu fragen und zu suchen? Zu prüfen und hinterfragen? Zu durchdenken und dich nicht abhalten zu lassen von der Suche nach der Wahrheit? Hättest du keinen schwarzen Schwanz, würdest du dann heute mit mir sprechen?“
Der Tiger schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er wäre so wie alle anderen. Er würde zu ihnen passen und nicht mehr anecken, auffallen, ausscheren ohne es zu wollen. Er würde nicht sehen und nicht fragen und nicht so viel denken.
„Deshalb hast du deinen schwarzen Schwanz. Er gehört zu dir. Er ist was du bist und was du sein sollst.“

Gehört

Juli 10

Die Geschichte beginnt laut.
Und endet leise.
Laut, denn da sind gebrochene Flügel, die im Fallen schlagen, obwohl jede Bewegung schmerzt. Den Sturz aufhalten wollen, obwohl sie es nicht mehr können. Und das Schlagen und Rauschen wird übertönt vom Schrei des Stürzenden.
Aber da ist ein zweiter Schrei, der sich mit dem ersten mischt. Der Schrei eines Mädchens am Boden, die schreit, weil sie den Aufschlag am Ende fühlt und nichts dagegen tun kann. Weiß und hilflos ist.
Doch dann endet ihr Schreien und sie singt. Sing ein Lied von Glaube und Liebe und Hoffnung. Singt, um diese Sekunden aus Angst und Leid mit Schönheit zu füllen. Für sich und für ihn.
Doch der Stürzende hört sie nicht.
Sie singt von dem was sein sollte, was unmöglich ist.
Und während sie singt heilen die Flügel.
Und das Unmögliche wird real.
Die Flügel fangen den Sturz auf und er landet.
Doch sie sieht ihn nicht. Denn sie ist blind. Sah nichts, fühlte nur den Schmerz und die Not, als wäre es die eigene.
Er steht vor ihr und sagt: „So ist es.“
Doch sie glaubt ihm nicht.
Denn sie sieht nicht.
Der Schmerz ist verschwunden, doch sie sieht nicht was sie gesungen hat. Was wahr geworden ist.
Am Ende ist Stille.
Denn die Stimme, die zu ihr spricht, braucht keinen Schall.
Sie legt die Worte sacht in ihr Herz.
Höre und vertraue mir.