Juli 30

Ich dachte mir nichts, als ich sie zum ersten Mal sah.
Beim zweiten Mal erinnerte ich mich nur, wegen des Kinderwagens: Ein schneeweißes Gefährt, das beinah lautlos über den holprigen Boden glitt.
Extravagant, dachte ich. Aber das lag nur an dem Ort, an dem ich ihr begegnete.
Auf dem Friedhof.
Doch immerhin war ihre Miene ernst. Sie war allein und das Baby schrie nicht.
Ich konnte mich wieder dem Grab meines lange verstorbenen Mannes widmen. Das Unkraut hatte keine Chance gegen meine neu gesetzten Begonien. Zweimal die Woche rückte ich ihm zuleibe und wenn es zu lange nicht regnete, marschierte ich auch alle zwei Tage zum Gießen auf. Im Hochsommer jeden Tag.
Und wie es sich gehört, waren meine Gedanken bei der Arbeit voller Erinnerungen, längst ihrer Farben beraubt, zum Glück auch ihrem Schmerz. Meistens…
Manchmal blitzte ein Bildfetzen greller auf, als die anderen, stach in Herz und Augen und zwangen mich dazu, mir über das Gesicht zu wischen. Wegen der schweißtreibenden Arbeit, so es.wirkte es hoffentlich.
In einen dieser Blitze fuhr der schneeweiße Kinderwagen, an dem Tag, als ich sie zum dritten Mal sah.
Und zum ersten Mal wirklich bemerkte.
Wie ein nächtlich eingeschaltetes Licht, blendete er mich, war viel zu hell für diesen Moment. Für diesen Ort. Für alles.
Es rumpelte leicht, als die Dame, die ein flatterndes Sommerkleid trug über eine Bodendelle steuerte. Ich stieß ein Schnauben aus und schüttelte den Kopf.
Für eine Sekunde zuckte sie, zögerte und fuhr dann unbeirrt weiter, den Kopf mit der wehenden Haarpracht noch ein bisschen aufrechter.
Von da an, beobachtete ich sie, wenn unsere Besuchszeiten sich kreuzten.
Immer trug sie Make-Up und war der Inbegriff der Gepflegtheit.
Nie blieb sie vor einem Grab stehen.
Und immer war ihr Blick mit dem Kind im Wagen beschäftigt. Ein überaus braves Ding, das niemals die Ruhe der Toten störte. Nicht wie seine Mutter.
Sie lachte nie. Weinte nie. Wirkte in ihrer Aufmachung immer Fehl am Platz. Schneeweiß der Wagen und sie oftmals in frühlingsbunter Aufmachung. Die gefasste Miene nur dem Ort zuliebe, an dem sie sich befand.
Sie war mir ein Rätsel.
Und ein Dorn im Auge.
Sie war ein Kaffeefleck auf einer frisch gebügelten Tischdecke. Gehörte nicht hierher.
Sollte mit ihrem kleinen Leben irgendwoanders schattige Wege in der Sommerhitze suchen und die Toten den Trauernden überlassen.
Der Sommer verging, Blumen verwelkten und der schneeweiße Kinderwagen ratterte weiter über die Friedhofswege. Das Kind verschlief die Besuche und seine Mutter kleidetete sich leuchtender, je düsterer die Tage wurden.
Frau Kötzle und Herr Frech steckten die Köpfe zusammen und schimpften leise. Aber mir schienen ihre Stimmen lauter zu werden, wie meine Blicke kälter, mit jedem Tag, den wir uns an den Anblick gewöhnten. Und auch der Ärger wurde zur Gewohnheit.
Schließlich kam der Tag, an dem der Kinderwagen stecken blieb.
Ich sah die Frühlingsfrau vor mir den Weg entlang schweben wie eine Tänzerin. Der Herbst hatte sich bereits rotgolden verabschiedet und uns in den Winter entlassen.
Die Landschaft war so weiß, dass die Gräber heute wie finstere Flecken wirkten.
Ich hielt höflichen Abstand, konnte den Kinderwagen heute ganz gut ignorieren, heute verschwand er beinahe inmitten all des Schnees.
Doch gerade als ich dies dachte, rumpelte es, die Dame stockte halb in der Kurve und der Kinderwagen neigte sich gefährlich zur Seite. Sofort lehnte sie sich in ihrem fellbesetzten Mantel dagegen, stützte das Gefährt und fand das Gleichgewicht wieder.
Es war so schnell gegangen, dass ich kaum drei Schritte hatte machen können, doch die hatten mich unfreiwillig nahe genug herangebracht, um einen Blick auf das Kind werfen zu können. Zu müssen!
Im flauschig ausgekleideten Inneren des Wagens purzelte ein Plüschtier zur Seite.
Ansonsten war er leer.
Die Dame setzte ihren verwaisten Kinderwagen zurück, holte um die Ecke weiter aus und stockte. Schaute über ihre Schulter.
Ich blieb stehen.
Meine Zunge schwer wie Blei, mein Gesicht erschlaffte zu roher Teigmasse, bei meiner Suche nach einem Satz, einem Wort des Verstehens.
Vergeblich.
Ihre Augen blitzten trotzig, doch jetzt sah ich genauer hin.
Unter den Stolz und die Farbe, die wie eine Maske ihr wahres Gesicht vor der Welt verbarg.
Ich hatte mich geirrt.
Die Trauer und der Schmerz waren tiefste Echtheit. Alles andere war aufgesetzt.
Hier war sie echt.
Abgetaucht aus einer lauten, schillernden Welt des Feierns und Lebens.
Hier weinte ihr Herz durch die Maske hindurch, ohne sie je zu verwischen.
Dieser Ort gehörte uns.
Denen die Trauern.
Uns.