März 15

Wie immer auch auf Lovelybooks und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Rezensenten

———————————-Tagebuch

Leon Weber ist bei den Überresten des Château de Chamilot in Frankreich auf der Suche nach den Überresten des historischen König Artus. Doch alles, was von seinem Team zunächst gefunden wird, ist ein altes Tagebuch aus der Zeit der französischen Revolution. Unzufriedene Geldgeber, misstrauische Nachbarn, Stromausfall und ein umherstreifender Wolf. Die Probleme sind zahllos, doch plötzlich rücken sie alle in den Hintergrund. Das seltsame Tagebuch beginnt zu verschwinden und verändert wieder aufzutauchen. Fehlende Seiten tauchen aus dem Nichts auf, der Einband ist weniger beschädigt als zuvor und Leon beginnt in die Seiten einzutauchen. In das Leben der Angélique de Vantes.

„Das Tagebuch“ von Thomas Franke hat mich mit seinem wunderschönen, geheimnisversprechenden Cover geködert und die Seitenzahl übersehen lassen. Mit über 500 Seiten kann man nämlich nicht von einem Schmöker für Zwischendurch sprechen, erfreulicherweise ist der geradlinige Schreibstil jedoch stramm gerafft und die Handlung entwickelt eine so große Sogwirkung, dass keine Langeweile aufkommt. Die Handlung ist dreigeteilt. Abschnitte, die in der Gegenwart spielen und aus Leons Sicht geschildert werden, wechseln sich mit Tagebucheinträgen von Angélique ab, denen meist eine Passage vorangeht oder folgt, in der aus der Sicht der jungen Frau die Geschehnisse um den Eintrag herum erzählt werden.

Angéliques Abschnitte haben dabei eine persönlichere, emotionalere Note, während Leons Realität in einem sachlicheren Tonfall beschrieben wird. Manchmal hat man gar das Gefühl, dass ein Erzähler die Geschichte von außen betrachtet. Dennoch zieht die Geschichte den Leser in sich hinein, spätestens als das Tagebuch das erste Mal verschwindet. Das geschieht nicht durch temporeiche Szenen voller Action, sondern auf der einen Seite durch die Frage, der auch Leon nachjagt, nämlich was es mit dem scheinbar zeitreisenden Buch auf sich hat, zum anderen auch durch die historischen Ereignisse um Angélique. Denn auch wenn es hauptsächlich um ihre Familie und ihr eigenes Schicksal geht, prallt sie immer wieder überaus hart mit den Geschehnissen der französischen Revolution zusammen und führt dem Leser durch die Augen einer Beteiligten die Brutalität und Grausamkeit dieser Zeit vor Augen. Ich war hier sogar froh, dass der Autor einen gewissen emotionalen Abstand durch seinen Schreibstil wahrt, denn auch so ist die Unmenschlichkeit schmerzhaft und eindrücklich genug um Wut und Verzweiflung über die eigene Spezies zu verspüren.

Sehr gefallen, hat mir der lang gedehnte Spannungsbogen, der Leon und somit auch dem Leser erst sehr spät dem Geheimnis des Tagebuches auf die Spur kommen lässt. Ab dieser Stelle steigert sich das Handlungstempo enorm und dramatische Spannung wechselt sich mit Überraschungen ab, so dass ich gegen Ende geradezu angestrengt war und um meiner Nerven willen hoffte, dass endlich ein Happy End ist Sichtweite käme. Thomas Franke erspart seinen Charakteren kaum etwas und sowohl ihnen als auch dem Leser gönnt er zuletzt keine Pause mehr.

Zwischendurch wird das Buch mit einer sanften Tiefe, in Form von Gesprächen zwischen einem Vendéebewohner und Leon und später auch zwischen Leon und Angélique gespickt, in denen es darum geht, warum jemand überhaupt an Gott glaubt. Leon tut dies nicht und versteht die für ihn altertümliche Weltanschauung nicht. Sehr einfühlsam und bedacht geben die beiden Leon ehrliche Antworten und lassen Gott auch für den Leser näher rücken, persönlicher werden. Ein Buch, das ich überaus zufrieden, aber auch mit nachdenklichem Rückblick geschlossen habe.

Faszination, Bedrückung und ein Lächeln haben sich vermischt und wollen eigentlich keine sachliche Beurteilung zulassen. Der einzig treffende Begriff, den ich finde, ist „vielseitig“, denn zwischen diesen Buchdeckeln steckt so viel mehr als 550 Seiten Papier.