Oktober 26

Es war einmal ein Tiger mit einem schwarzen Schwanz.
Niemand wusste wieso.
Die anderen Tiger machten sich darüber lustig, waren verwirrt und gingen ihm aus dem Weg. Sie erzählten sich, dieser Tiger sei der letzte gewesen, den Gott geschaffen hatte und als er ihm die sonnenschimmernde Farbe seines Fell gab, sei ihm die lebendige Farbe ausgegangen. Sie hatte nicht mehr für den Schwanz gereicht und so musste er nun für immer die Schwärze der langen Finsternis tragen, die vor dem Leben, vor der Welt gewesen war.
Es war eine gute Legende. Sie erklärte alles.
Doch der Tiger mit dem schwarzen Schwanz dachte nach. Er hatte schon immer darüber nachgedacht, sich gefragt, warum, woher, wieso? Die Antworten der anderen schienen ihm fadenscheinig, lückenhaft, unlogisch. Wieso sollte Gott eine begrenzte Lebensfarbe haben? Wieso sollte er der letzte geschaffene Tiger sein, wo es doch viel jüngere gab als ihn?
Er fand keine Ruhe. Keine Erklärung, nicht die Legende genügte ihm. Sie sagte, er solle es einfach hinnehmen, akzeptieren und dabei waren es doch die anderen, die das unmöglich machten. Die seinen Schwanz anstarrten, tuschelten. Sie taten es nicht absichtlich, sie wollten ihn nicht ausgrenzen, doch da war einfach immer dieser Unterschied. Selbst wenn sie nicht mehr hinsahen, sie verhielten sich trotzdem anders.
Dabei gab es bis auf die Farbe keinen Unterschied. Der Tiger mit dem schwarzen Schwanz prüfte es nach. Versuchte herauszufinden, ob mehr mit seinem Schwanz los war. Doch bis auf die Farbe, schien nichts anders zu sein, weder schlechter, noch besser.
Der Tiger fand keine Ruhe. Er suchte nach Antworten, nach einem Grund, nach der Wahrheit. Und fand sie nirgendwo bei den Tigern und nicht bei den anderen Tieren.
Irgendwann wandte er sich an den Schöpfer selbst und fragte: „Du hast mir diesen Schwanz gegeben. Wieso?“
Und der Schöpfer sah ihn an und antwortete:
„Was tust du?“
Der Tiger überlegte. „Ich denke darüber nach, wieso ich anders bin. Und darüber, welche Jagdgründe wir lange nicht besucht haben, denn dort wird sich die Beute vemehrt haben. Und darüber, dass wir unseren Winterbau dieses Jahr noch wärmer auspolstern müssen. Und darüber, dass die kluge Tigerin mit den leuchtenden Augen sich so seltsam verhält, weil sie schwanger ist und…“
Er unterbrach sich, denn es gab noch viel mehr was er beobachtete und bedachte, aber das konnte den Schöpfer doch nicht interessieren. „Solche Sachen“, fügte er hinzu.
Der Schöpfer nickte und blinzelte sanft.
„Und was tun die anderen?“
„Sie gehen jagen und balgen sich und kämpfen. Sie schlafen und ruhen, sie leben einfach.“
Wieder nickte der Schöpfer. „Hättest du keinen schwarzen Schwanz, meinst du, du hättest jemals begonnen nachzudenken? Zu fragen und zu suchen? Zu prüfen und hinterfragen? Zu durchdenken und dich nicht abhalten zu lassen von der Suche nach der Wahrheit? Hättest du keinen schwarzen Schwanz, würdest du dann heute mit mir sprechen?“
Der Tiger schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er wäre so wie alle anderen. Er würde zu ihnen passen und nicht mehr anecken, auffallen, ausscheren ohne es zu wollen. Er würde nicht sehen und nicht fragen und nicht so viel denken.
„Deshalb hast du deinen schwarzen Schwanz. Er gehört zu dir. Er ist was du bist und was du sein sollst.“