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Blütenkinder

Januar 25

Schließ kurz die Augen.
Und stell dir einen Baum vor. Groß, riesig. Und fast nicht grün. Weil die Blätter kaum zu sehen sind, denn überall sprießen Blüten an seinen Zweigen. Blüten in allen Farben und Formen. Große, kleine, bunte, einfarbige, mit vielen Blütenblättern oder mit wenigen, gekräuselt oder glatt. Doch egal wie sie aussehen, jede ist einzigartig wie eine Schneeflocke und jede ist vollkommen.

Weißt du was sie sind? Sie sind meine Urururenkel. Und deine auch. Und die unserer Enkel. Sie sind jeder der einmal sein wird, jeder Mensch, so wie er beginnt. Als vollkommener Gedanke Gottes. Perfekt in seiner Schönheit. Und keiner so wie der andere.
Ich war auch einmal so eine Blüte und du auch, mein Mann und mein Kind und alle die auf dieser Welt waren und sind.

Jetzt such dir eine der Blüten aus. Vielleicht die mit den üppigen blauen Blütenblättern, die so schön glänzt. Oder die mit dem Regenbogenschimmern. Oder… ach was, du findest selbst eine heraus.
Hast du eine? Gut.
Und jetzt schau zu, wie jemand sie pflückt. Eine Hand schließt sich um die zarte Blüte und legt sie sacht ab. Wo? An einen weichen, warmen, dunklen Ort. Und als die Hand sich öffnet, fällt keine Blüte heraus, sondern ein Samenkorn. Es wird mit Bedacht in den Boden unserer Welt gepflanzt. So wie mein Kind in mich und deines in dich. Und in uns, den Frauen, darf das Korn wie in der Erde ruhen, bis es soweit ist, zu keimen, eine Pflanze hervorzubringen. Bis der neue kleine Mensch geboren wird.

Sobald die Blüte unsere Welt berührt, wird sie zum Samen, später wächst sie zur Pflanze und bringt dann mit jedem Tag seines Seins Frucht. Mit jedem Tun, jedem Wort.
Und was wenn die Saat nicht aufgeht?, fragst du.
Da ist keine Antwort, nur die Hand die sich erneut ausstreckt. Die das winzige Samenkorn schützend umschließt und ans Herz zieht. Und dort verfliegt alle Kälte und das Korn bricht auf. Es entfaltet sich die makellose Blüte, zu der das Samenkorn bestimmt war. Das es immer war und sein sollte.

Doch die Hand setzt die Blüte nicht zurück an den Baum. Sie ist nicht mehr nur ein Gedanke, sie hat unsere Welt berührt. Wo soll sie jetzt hin?
Zwischen den Wurzeln des Baumes beginnt die Hand zu graben. Ganz nah an dem vorbeisprudelnden Fluss setzt sie die Blüte in den Boden, inmitten einer Woge aus anderen Blüten. Solche, die sind wie diese eine.
Und wenn der, dem die Hand und das Herz gehören durch sie hindurchgeht, tritt er keine nieder, denn seine Füße können auf Wasser gehen und sein Auge übersieht keine. Denn während seine Gedanken weit oben in der Baumkrone schweben und die Samen und Pflanzen noch Zeit brauchen, um zurückzukehren, sind diese Blüten schon so nah an seinem Herz, wie er es sich für alle wünscht.

Ein Feuer

Januar 17

Wir sind alle Kerzen. Ich bin eher so ein größeres Teelicht, würde ich schätzen, aber bitte in orange. Du bist vielleicht ne richtig eindrucksvolle Stumpenkerze. Oder eine gerollte Bienenwachskerze? Es gibt sie in groß und klein, rund, eckig. Manche sehen aus wie Blumen, oder Steine. Da sind die hochaufgeschossenen Exemplare für Leuchter, die festlich silbern oder golden glänzenden. Ach ja und Farben haben sie alle des Regenbogens. Manch eine duftet sogar. Die einen brennen länger, die anderen kürzer.
Aber etwas haben sie alle gemeinsam: Ihre Bestimmung ist es, zu leuchten.
Natürlich, manche sind so schön, dass man sie sich einfach hinstellt, zum Anschauen, zum hübsch Finden. Aber ihre Bestimmung ist es, zu leuchten. Licht in die Dunkelheit zu bringen.
Nur haben Kerzen dabei ein kleines Problem, sie sind zwar dazu gemacht zu brennen, aber nichts an ihnen hat irgendwas an sich, das Feuer erzeugen kann. Von sich selbst aus, sind sie nicht mal warm, geschweige denn heiß.
Jede einzelne braucht Feuer. Eine Flamme, die sie anzündet. Und für alle Kerzen dieser Welt braucht es keine ebenso große Anzahl von Flammen. Eine einzige genügt. Hm, natürlich schwierig eine zu finden, die lange genug brennt. Da fällt mir eigentlich nur die größte, heißeste und scheinbar endlose Flamme der Sonne ein. Ja sozusagen die selbst ganz Flamme ist.
Und wenn Kerzen erstmal brennen, ist es völlig unwichtig wie sie aussehen. Sobald es dunkel wird, zählt nur noch das Licht, das sie aussenden. Nur noch die Flamme, die sie nicht selbst sind. Die sie tragen und nähren dürfen. Und die übrigens vielleicht mal größer oder kleiner scheint, mal flackert oder ruhig brennt, die aber auf allen Kerzen dasselbe ist. Alles ist Feuer.

Schneekind

Juli 30

Ich dachte mir nichts, als ich sie zum ersten Mal sah.
Beim zweiten Mal erinnerte ich mich nur, wegen des Kinderwagens: Ein schneeweißes Gefährt, das beinah lautlos über den holprigen Boden glitt.
Extravagant, dachte ich. Aber das lag nur an dem Ort, an dem ich ihr begegnete.
Auf dem Friedhof.
Doch immerhin war ihre Miene ernst. Sie war allein und das Baby schrie nicht.
Ich konnte mich wieder dem Grab meines lange verstorbenen Mannes widmen. Das Unkraut hatte keine Chance gegen meine neu gesetzten Begonien. Zweimal die Woche rückte ich ihm zuleibe und wenn es zu lange nicht regnete, marschierte ich auch alle zwei Tage zum Gießen auf. Im Hochsommer jeden Tag.
Und wie es sich gehört, waren meine Gedanken bei der Arbeit voller Erinnerungen, längst ihrer Farben beraubt, zum Glück auch ihrem Schmerz. Meistens…
Manchmal blitzte ein Bildfetzen greller auf, als die anderen, stach in Herz und Augen und zwangen mich dazu, mir über das Gesicht zu wischen. Wegen der schweißtreibenden Arbeit, so es.wirkte es hoffentlich.
In einen dieser Blitze fuhr der schneeweiße Kinderwagen, an dem Tag, als ich sie zum dritten Mal sah.
Und zum ersten Mal wirklich bemerkte.
Wie ein nächtlich eingeschaltetes Licht, blendete er mich, war viel zu hell für diesen Moment. Für diesen Ort. Für alles.
Es rumpelte leicht, als die Dame, die ein flatterndes Sommerkleid trug über eine Bodendelle steuerte. Ich stieß ein Schnauben aus und schüttelte den Kopf.
Für eine Sekunde zuckte sie, zögerte und fuhr dann unbeirrt weiter, den Kopf mit der wehenden Haarpracht noch ein bisschen aufrechter.
Von da an, beobachtete ich sie, wenn unsere Besuchszeiten sich kreuzten.
Immer trug sie Make-Up und war der Inbegriff der Gepflegtheit.
Nie blieb sie vor einem Grab stehen.
Und immer war ihr Blick mit dem Kind im Wagen beschäftigt. Ein überaus braves Ding, das niemals die Ruhe der Toten störte. Nicht wie seine Mutter.
Sie lachte nie. Weinte nie. Wirkte in ihrer Aufmachung immer Fehl am Platz. Schneeweiß der Wagen und sie oftmals in frühlingsbunter Aufmachung. Die gefasste Miene nur dem Ort zuliebe, an dem sie sich befand.
Sie war mir ein Rätsel.
Und ein Dorn im Auge.
Sie war ein Kaffeefleck auf einer frisch gebügelten Tischdecke. Gehörte nicht hierher.
Sollte mit ihrem kleinen Leben irgendwoanders schattige Wege in der Sommerhitze suchen und die Toten den Trauernden überlassen.
Der Sommer verging, Blumen verwelkten und der schneeweiße Kinderwagen ratterte weiter über die Friedhofswege. Das Kind verschlief die Besuche und seine Mutter kleidetete sich leuchtender, je düsterer die Tage wurden.
Frau Kötzle und Herr Frech steckten die Köpfe zusammen und schimpften leise. Aber mir schienen ihre Stimmen lauter zu werden, wie meine Blicke kälter, mit jedem Tag, den wir uns an den Anblick gewöhnten. Und auch der Ärger wurde zur Gewohnheit.
Schließlich kam der Tag, an dem der Kinderwagen stecken blieb.
Ich sah die Frühlingsfrau vor mir den Weg entlang schweben wie eine Tänzerin. Der Herbst hatte sich bereits rotgolden verabschiedet und uns in den Winter entlassen.
Die Landschaft war so weiß, dass die Gräber heute wie finstere Flecken wirkten.
Ich hielt höflichen Abstand, konnte den Kinderwagen heute ganz gut ignorieren, heute verschwand er beinahe inmitten all des Schnees.
Doch gerade als ich dies dachte, rumpelte es, die Dame stockte halb in der Kurve und der Kinderwagen neigte sich gefährlich zur Seite. Sofort lehnte sie sich in ihrem fellbesetzten Mantel dagegen, stützte das Gefährt und fand das Gleichgewicht wieder.
Es war so schnell gegangen, dass ich kaum drei Schritte hatte machen können, doch die hatten mich unfreiwillig nahe genug herangebracht, um einen Blick auf das Kind werfen zu können. Zu müssen!
Im flauschig ausgekleideten Inneren des Wagens purzelte ein Plüschtier zur Seite.
Ansonsten war er leer.
Die Dame setzte ihren verwaisten Kinderwagen zurück, holte um die Ecke weiter aus und stockte. Schaute über ihre Schulter.
Ich blieb stehen.
Meine Zunge schwer wie Blei, mein Gesicht erschlaffte zu roher Teigmasse, bei meiner Suche nach einem Satz, einem Wort des Verstehens.
Vergeblich.
Ihre Augen blitzten trotzig, doch jetzt sah ich genauer hin.
Unter den Stolz und die Farbe, die wie eine Maske ihr wahres Gesicht vor der Welt verbarg.
Ich hatte mich geirrt.
Die Trauer und der Schmerz waren tiefste Echtheit. Alles andere war aufgesetzt.
Hier war sie echt.
Abgetaucht aus einer lauten, schillernden Welt des Feierns und Lebens.
Hier weinte ihr Herz durch die Maske hindurch, ohne sie je zu verwischen.
Dieser Ort gehörte uns.
Denen die Trauern.
Uns.

Der Tiger mit dem schwarzen Schwanz

Oktober 26

Es war einmal ein Tiger mit einem schwarzen Schwanz.
Niemand wusste wieso.
Die anderen Tiger machten sich darüber lustig, waren verwirrt und gingen ihm aus dem Weg. Sie erzählten sich, dieser Tiger sei der letzte gewesen, den Gott geschaffen hatte und als er ihm die sonnenschimmernde Farbe seines Fell gab, sei ihm die lebendige Farbe ausgegangen. Sie hatte nicht mehr für den Schwanz gereicht und so musste er nun für immer die Schwärze der langen Finsternis tragen, die vor dem Leben, vor der Welt gewesen war.
Es war eine gute Legende. Sie erklärte alles.
Doch der Tiger mit dem schwarzen Schwanz dachte nach. Er hatte schon immer darüber nachgedacht, sich gefragt, warum, woher, wieso? Die Antworten der anderen schienen ihm fadenscheinig, lückenhaft, unlogisch. Wieso sollte Gott eine begrenzte Lebensfarbe haben? Wieso sollte er der letzte geschaffene Tiger sein, wo es doch viel jüngere gab als ihn?
Er fand keine Ruhe. Keine Erklärung, nicht die Legende genügte ihm. Sie sagte, er solle es einfach hinnehmen, akzeptieren und dabei waren es doch die anderen, die das unmöglich machten. Die seinen Schwanz anstarrten, tuschelten. Sie taten es nicht absichtlich, sie wollten ihn nicht ausgrenzen, doch da war einfach immer dieser Unterschied. Selbst wenn sie nicht mehr hinsahen, sie verhielten sich trotzdem anders.
Dabei gab es bis auf die Farbe keinen Unterschied. Der Tiger mit dem schwarzen Schwanz prüfte es nach. Versuchte herauszufinden, ob mehr mit seinem Schwanz los war. Doch bis auf die Farbe, schien nichts anders zu sein, weder schlechter, noch besser.
Der Tiger fand keine Ruhe. Er suchte nach Antworten, nach einem Grund, nach der Wahrheit. Und fand sie nirgendwo bei den Tigern und nicht bei den anderen Tieren.
Irgendwann wandte er sich an den Schöpfer selbst und fragte: „Du hast mir diesen Schwanz gegeben. Wieso?“
Und der Schöpfer sah ihn an und antwortete:
„Was tust du?“
Der Tiger überlegte. „Ich denke darüber nach, wieso ich anders bin. Und darüber, welche Jagdgründe wir lange nicht besucht haben, denn dort wird sich die Beute vemehrt haben. Und darüber, dass wir unseren Winterbau dieses Jahr noch wärmer auspolstern müssen. Und darüber, dass die kluge Tigerin mit den leuchtenden Augen sich so seltsam verhält, weil sie schwanger ist und…“
Er unterbrach sich, denn es gab noch viel mehr was er beobachtete und bedachte, aber das konnte den Schöpfer doch nicht interessieren. „Solche Sachen“, fügte er hinzu.
Der Schöpfer nickte und blinzelte sanft.
„Und was tun die anderen?“
„Sie gehen jagen und balgen sich und kämpfen. Sie schlafen und ruhen, sie leben einfach.“
Wieder nickte der Schöpfer. „Hättest du keinen schwarzen Schwanz, meinst du, du hättest jemals begonnen nachzudenken? Zu fragen und zu suchen? Zu prüfen und hinterfragen? Zu durchdenken und dich nicht abhalten zu lassen von der Suche nach der Wahrheit? Hättest du keinen schwarzen Schwanz, würdest du dann heute mit mir sprechen?“
Der Tiger schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er wäre so wie alle anderen. Er würde zu ihnen passen und nicht mehr anecken, auffallen, ausscheren ohne es zu wollen. Er würde nicht sehen und nicht fragen und nicht so viel denken.
„Deshalb hast du deinen schwarzen Schwanz. Er gehört zu dir. Er ist was du bist und was du sein sollst.“

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